Richtet nicht nach dem, was vor Augen ist, sondern richtet gerecht.
Johannes 7, 24
Johannes 7, 24
Alles passte, alles saß: Der Anzug, die Frisur, die Brille. Jede Geste, jedes Wort. Ein Gewinner. Sympathisch, kompetent, dynamisch. Einer, auf den man sah, auf den man hörte. Was keiner wusste: Seine Dynamik brauchte den täglichen Kokainschub. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist ...
Nichts passte. Nichts saß. Der Anzug roch nach Mottenkugeln. Die Worte kamen zögernd. Immer ging er ein bisschen gebückt. Einer, den man übersah, überhörte, überstimmte. Was keiner wusste: Er pflegte zu Hause seit Jahren zärtlich und hingebungsvoll seine alzheimerkranke Frau. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist ...
Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Und täuscht sich zuweilen gewaltig. Wir sehen Oberflächen. Wir sehen Äußerlichkeiten. Und ziehen dann unsere schnellen Schlüsse. Sind manchmal in Bruchteilen von Sekunden fertig mit "dem" oder mit "der", haben ein fest umrissenes Bild im Kopf und wenden uns ab.
Es ist ja merkwürdig, was da in unseren Köpfen passiert. Unsere Augen nehmen bestimmte Signale auf und leiten sie ans Gehirn weiter. Das Gehirn fügt sie zusammen und präsentiert uns das Ergebnis. Da ist uns einer auf Anhieb sympathisch und ein anderer auf Anhieb unsympathisch. Da gibt es zuweilen die berühmte Liebe auf den ersten Blick und wohl auch die Abneigung auf den ersten Blick.
Manchmal später, wenn wir ein zweites oder drittes Mal hingeschaut haben, wenn wir unser Gegenüber wirklich wahrgenommen haben, erleben wir eine Überraschung, eine angenehme Überraschung oder eine unangenehme. Manchmal sagen wir dann: "Ich bin enttäuscht von dir." Und das sagt doch nichts anderes als: "Ich habe mich in dir getäuscht." Anders gesagt: "Ich habe beim ersten Mal nicht so genau hingeschaut. Das was ich jetzt erlebe, entspricht nicht dem Bild, das ich mir bei unserer ersten Begegnung von dir gemacht habe."
Ein Mensch sieht, was vor Augen ist und täuscht sich zuweilen gewaltig. Gott aber sieht das Herz an und täuscht sich nie. Gott blickt tiefer. Gott blickt durch. Gott sieht mich, wie ich wirklich bin, was ich denke, was ich fühle. Er sieht meine Gaben und meine Grenzen, meine Tränen und meine Träume, meine Sorgen und meine Sehnsüchte, meine Geschichte und meine Gegenwart, meine Wünsche und meine Widersprüche. Gott sieht auch die Verstrickungen meiner Schuld. Gott sieht, was mich begeistert und was mich zu Boden drückt. Gott sieht das alles und ist darum nie enttäuscht von mir. Gott sitzt keinen Enttäuschungen auf. Gott fällt auf keine Täuschungsmanöver herein.
Doch was noch größer, noch unfassbarer ist: Er wendet sich nicht ab, nachdem er hingesehen hat. Im Gegenteil, er wendet sich seinen Menschen zu. Er wendet sich mir zu. Sein Blick ist ein Blick voller Liebe. Voller Erbarmen. Voller Vergebung. Gott blickt mit den Augen seines Sohnes Jesus.
Und der möchte, dass wir mit eben diesem Blick nun auch auf andere blicken. Jesus mahnt seine Leute im Johannes-Evangelium: "Richtet nicht nach dem, was vor Augen ist, sondern richtet gerecht." Gerecht. Will sagen: Richtet sachgerecht. Menschengerecht. Gottgerecht. Richtet so, urteilt so, wie ihr von Gott gerichtet und beurteilt werdet. Mit Liebe. Mit Erbarmen. Mit Vergebung.
Lassen sie uns mit einem Liedvers von Viktor Friedrich von Strauß und Thorney beten: "Du willst den Tod des Sünders nicht, du gehst mit uns nicht ins Gericht; wie dürfen wir denn richten? Lass immer mild des Nächsten Bild durch unser Wort sich lichten."

1 Kommentar:
das gefaellt mir wirklich..
mir ist auch aufgefallen dass ich immernoch oft auf oberflaechliches schau, obwohl ich das eigentlich gar nicht will..
und dabei steckt hinter den in unseren augen komischen menschen manchmal mehr als in denen die wir vllt von anfang an toll finden...
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