Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Gott antwortet. Durch sein Handeln. Durch ein Bibelwort. Durch den Trost oder Rat eines Menschen. Durch einen Gedanken, den er mir ins Herz gibt. Gott antwortet. Er hat viele Weisen zu antworten. Gott sei Dank.
Aber manchmal antwortet er eben nicht. Auf unser Beten. Auf unser Fragen. Auf unser Rufen. Auf unser Schreien. Manchmal ist Gott anscheinend stumm. Der Beter des 22. Psalm hat solch ein Schweigen Gottes erlebt. Tag und Nacht hat er zu Gott gebetet, vielleicht sogar laut gerufen. Und Gott hat nicht geantwortet. Der Beter des 22. Psalm ist kein Ungläubiger. Er rechnet mit Gott. Aber Gott schweigt. Wir müssen uns damit abfinden: Auch das Schweigen Gottes gehört zu unserem Glauben.
Wir hören und lesen oft Berichte darüber, wie Gott auf wunderbare Weise geantwortet und geholfen hat. Vielleicht bieten wir damit ein ganz falsches Bild von unserem Christenleben. Es ist ja durchaus nicht immer so, dass wir nur zu beten brauchen und Gott erfüllt uns unsere Bitte. Das sind vielleicht nur einige besondere Höhepunkte in unserem Glaubensleben. Schön, dass es sie gibt. Und hoffentlich bleiben sie uns eindrücklich im Gedächtnis. Und wir geben sie vielleicht auch gern an andere weiter. Wir möchten ja Menschen zu diesem Glauben einladen. Und wir meinen oft, das könnten wir nur mit einer solchen goldumrandeten Visitenkarte.
Aber bieten wir auf diese Weise nicht ein sehr einseitiges und deshalb falsches Bild von unserem Glauben? Es ist doch durchaus nicht so, dass Gott immer und schon gar nicht immer gleich auf unser Bitten antwortet.
Kurz nachdem ich als junger Mann von einem Tag auf den anderen zum Glauben an Jesus Christus gefunden hatte, besuchte ich eine Bibelstunde. An einem dieser Abende ging es auch um das Thema: „Antwortet Gott auf unser Gebet?“ Ich sagte damals: „Klar. Gott antwortet auf unser Gebet. Wenn ich ein Problem oder eine Frage habe, dann bekomme ich fast immer gleich mit der Frage auch schon die Antwort.“ Da sah der Pastor mich mit seinen gütigen Augen an und sagte: „Ja, so ist das bei einem ganz jungen Glauben.“ Er hatte Recht. So, wie es damals war, ist es nicht immer geblieben. Es sind Probleme und Fragen in meinem Leben aufgetaucht, bei denen ich nicht gleich die Antwort dazu bekam. Und manchmal habe ich auch gar keine Antwort bekommen.
Solches Fragen kann manchmal einen Menschen so sehr umtreiben, wie das bei dem Psalmbeter offenbar der Fall ist. „Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.“ Es gibt Situationen, die können uns den Nachtschlaf rauben. Sicher ist da jeder auch anders „gestrickt“. Der eine kann seine Probleme leichter an Gott abgeben und dann einigermaßen ruhig schlafen. Ein anderer dagegen schlägt sich eine ganze Nacht damit herum, sich selbst Gedanken zu machen, Gott diese Gedanken vorzulegen, ihn um eine Lösung zu bitten, ihn zu fragen nach dem rechten Weg – und die Antwort bleibt womöglich aus.
Wir sollten nicht so tun, als gäbe es das für einen Christen nicht. Für mich hat der Darsteller des Martin Luther in dem gleichnamigen Film sehr eindrucksvoll das Ringen des Reformators mit Gott dargestellt. Laut hat er mit Gott geredet und um Antwort gebeten. Dieses Ringen hat ihn schließlich sogar zu Boden geworfen. Im übrigen: Selbst Jesus hat dieses Schweigen seines himmlischen Vaters erlebt. Am Kreuz hat er gerufen: „Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen?“
Es muss bei mir normalem Sterblichen ja nicht nur an Gott liegen, dass ich seine Antwort auf mein Fragen nicht vernehme. Vielleicht liegt es ja an mir. Vielleicht hat Gott schon geantwortet und ich habe ihn gar nicht gehört, weil ich so sehr mit mir selbst beschäftigt war, mit meiner Lösung des Problems. Vielleicht weil ich die Antwort in einer Weise oder aus einer Richtung erwartet habe, in der Gott sie nicht geben konnte oder wollte.
Eines scheint mir wichtig: Der Psalmbeter lässt sich durch das Schweigen Gottes nicht von Gott abbringen. Er wendet sich mit seinem Gebet an diesen schweigenden Gott. Er zieht nicht die Konsequenz: „Gott, wenn du schweigst, scheint es so, als ob es dich gar nicht gibt.“ Nein, er kehrt Gott nicht den Rücken. Im weiteren Verlauf seines Psalmgebets sagt er sinngemäß: „Herr, ich verstehe dich nicht, aber ich vertraue dir.“
Wenn Gott mir eine Bitte nicht erfüllt oder eine Frage nicht beantwortet, wende ich mich auch nicht von Gott ab. Ich vertraue darauf, dass ich irgendwann eine Begründung oder eine Antwort von Gott bekomme, wenn nicht in diesem Leben, dann in der Ewigkeit bei ihm.

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