25.03.2008

VERGEBUNG

Der Hahn krähte zum zweiten Mal. Da gedachte Petrus an das Wort, das Jesus ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er fing an zu weinen.
Markus 14,72


Und er fing an zu weinen. Weinen löst. Weinen bringt nicht nur Tränen zum Fließen. Weinen bringt uns in Bewegung. Unsere Seele. Im Weinen sind wir ganz bei uns selbst. Niemand kann es uns abnehmen. Niemand kann für uns den Weg in den Schmerz gehen.

Nicht nur ein Petrus weint in der Passionsgeschichte. Als sich Jesus auf dem Weg nach Golgatha befindet, stehen Menschen am Straßenrand, verfolgen seinen Leidensgang zum Kreuz und weinen. Er wendet sich ihnen zu und sagt: „Weinet nicht über mich, sondern weinet über euch und über eure Kinder.“ Der Evangelist Lukas hat dieses Jesuswort festgehalten.

Ein Petrus bleibt nicht allein, als er weint. Er führt die Kette derer an, die über sich selbst weinen. Andere sollen ihm nachfolgen. Weinen und Schmerz der Selbsterkenntnis.

„Weinet über euch!“ sagt Jesus. Warum? Warum wir heute? Weil wir von einer göttlichen Liebe überwältigt werden, die uns unter die Haut geht. Diese Liebe Gottes, die am Kreuz sich in einem Schrei entlädt - dem Schrei Jesu: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Jesus schreit mit uns und für uns nach Gott. Was er allen sagt: "Weinet über euch!", nimmt er auf und schreit für uns nach Gott. Weil wir nur allzuoft nicht mehr nach Gott schreien. Weil wir mit ihm nicht mehr rechnen.

Jesus schreit nach Gott. Und er zieht mit diesem Schrei das ganze Verhängnis unserer Gottverlassenheit auf sich, das Verhängnis unserer selbst gewählten Gottverlassenheit.

Er schreit für uns nach Gott. Für uns, die wir gar nicht recht fassen können, wie sehr wir in Schuld verstrickt sind. Wir sind Verdrängungskünstler. Manchmal gehen uns die Augen auf und dann auch über in Tränen.

Dann soll es jeder wissen: wer von Selbsterkenntnis geplagt ist und sich von Gott und der Welt verlassen fühlt, soll sich mit diesem Schrei Jesu verbinden lassen. Dieser Schrei verbindet uns mit Gott. Und wir begegnen einer Güte, die uns unbedingt will und meint.

Paulus deutet das Geschehen am Kreuz folgendermaßen: "Da versöhnte Gott die Welt mit sich selbst." Und Gott bittet: "Lasst euch versöhnen mit Gott." Kommt zurück zu ihm. Zu allererst kommt mit eurer Selbsterkenntnis und eurer Schuld. Zuallererst bringt ihm eure Leere und eure Sinnlosigkeitsgefühle.

"Weinet nicht über mich, weinet vielmehr über euch." Weinen kann der Anfang von Trauerarbeit sein. Altes wird losgelassen. Altes wir entmachtet. Es soll nicht mehr an der Rückkehr ins Leben hindern. Neues kann fließen, wo Altes Platz gemacht hat.

Wenn uns die Passion Jesu wieder neu mit dieser Trauerarbeit an uns selbst beginnen lassen könnte! Wenn die Betroffenheit über ihn und sein Sterben zur Betroffenheit über uns selbst würde, ja dann hätte Petrus Nachfolgerinnen und Nachfolger gefunden.

Denn wenn uns manchmal doch bewusst wird, was wir tun und was wir sind und wo wir schuldig werden, dann ist uns wahrlich zum Heulen zumute. Wir sollten es tun. Wir sollten es tun vor dem Mann aus Nazareth am Kreuz. Dort machen wir die Erfahrung, trotz allem und in allem auf absolute Weise bejaht zu sein.

Das erfährt ja übrigens auch ein Petrus. Der bleibt nicht sich selbst ausgeliefert. Jesus begegnet ihm später und holt ihn aus dem Weinen zurück in die Macht seiner Liebe. Und uns mit ihm.

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