26.04.2008


Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich.

Psalm 63,9


Ich kann mich noch gut an meinen Krankenhausaufenthalt im vergangenen Jahr erinnern. Die Operation ist gut verlaufen, die Narkose einigermaßen überstanden und ich liege wieder in meinem Zimmer. Die Schwester hat mir ein Schmerzmittel in den Tropf getan, und mit einem freundlichen Lächeln sagt sie: „Und nun ruhen Sie sich aus. Wenn Sie was brauchen, klingeln Sie ruhig. Aber bitte nicht alleine aufstehen.“ Alles klar. Ich bin gut versorgt und verbringe den Tag mit Schlafen und Dösen. Bis zum Nachmittag. Denn da kommt für mich die Stunde der Wahrheit. Wieder dieses freundliche Lächeln der Schwester. Und dazu die unglaublich aufmunternde Stimme: „So, wir möchten jetzt gerne die Betten machen und Sie dürfen zum ersten Mal aufstehen.“ Keine Chance, dem auszuweichen.
Nun wird sich zeigen, was der Kreislauf und die Operationswunde vom Aufstehen halten. Ich setze mich bewusst langsam auf die Bettkante und taste vorsichtig nach meinen Hausschuhen. Dann der mutige Entschluss zum Aufstehen und die ersten unsicheren Schritte. Und bevor mir schummerig vor den Augen wird, die hilfreiche Hand der Krankenschwester, die mich festhält und verhindert, dass ich kurzerhand schlapp mache. Und siehe da, es geht: Sie bleibt an meiner Seite, begleitet meine ersten Schritte, bis ich sicher und zuverlässig wieder auf den Beinen stehe.

Heute ist die Operation ein Jahr her. Ich bin zum Glück lange wieder gesund und stabil auf den Beinen. Wie die Krankenschwester hieß, weiß ich übrigens gar nicht mehr. Ist ja auch nicht so wichtig. Aber ihr Lächeln und ihre freundliche, unaufdringliche Hilfestellung werde ich nicht vergessen.

Manchmal ist es gut, wenn mir jemand seine Hand zur Hilfe reicht. Ich brauche das – nicht nur nach einer Operation. Auch wenn es manchmal gar nicht so leicht ist, fremde Hilfe anzunehmen. Mir ist aufgefallen: In den vergangenen zwölf Monaten sind mir mehrere Menschen begegnet, die mir - auch bildlich gesprochen - ihre Hand gereicht haben, um mich zu stützen oder zu stärken:
Der Kollege, der mir stillschweigend geholfen hat, als es mit der Arbeit nicht voran ging.
Die Nachbarin, die die Kinder versorgt hat, als ich krank war und nicht aus dem Haus durfte.
Die Freundin, die mir ihr Ohr geliehen hat, als ich jemanden zum Reden brauchte.
Mein Mann, der zusätzlich zu seiner eigenen Arbeit noch eine Woche lang Haushalt und Kinder gemanagt hat, damit ich zu einer Fortbildung fahren konnte.
Und Gott, dem ich mein Herz ausgeschüttet habe, als ich nicht mehr ein noch aus wusste.
Oft war es eine kleine, eigentlich selbstverständliche Hilfestellung. Da ist mir erst im Nachhinein aufgefallen, wie gut es mir getan hat, dass mir jemand die Hand gereicht hat. Dass jemand für mich da war. Einfach so. Ohne zu fragen, was es ihm selber bringt.

Auf meinem Schreibtisch steht immer noch ein kleines Kärtchen mit einem Vers aus der Bibel, das mir jemand im Krankenhaus geschenkt hat: „Meine Seele hängt an dir, deine rechte Hand hält mich.“ Ein Mensch, der mit Gott häufig im Gespräch war, hat das vor langer Zeit zu ihm gesagt. „Ja, das stimmt für mich auch“, denke ich. Manchmal allerdings nur als Hoffnungssatz. Wenn ich Gottes Hand an meiner Seite nicht spüre, obwohl ich es doch unbedingt bräuchte. Dann denke ich: Ich suche doch die Verbindung zu dir, Gott; bitte mach doch, dass deine rechte Hand mich hält. Und dann vertraue ich einfach darauf, dass sie trotzdem da ist und Jesus mir seine Hand entgegenstreckt. Manchmal habe ich aber auch schon erfahren, dass der Satz aus der Bibel stimmt. „Meine Seele hängt an dir, deine rechte Hand hält mich.“ Denn es gibt ja Menschen, die mir ihre Hand hilfsbereit entgegenstrecken. Die mich begleiten und mich aushalten, auch wenn ich mal nicht gut drauf bin. Die mich in Ruhe lassen, wenn ich es möchte. Die mich trösten; wenn ich es brauche. Aber nicht mit billigem Trost, sondern mit Worten, die mir eine Perspektive für mein Leben zeigen. Und es gibt Menschen, die sich mit mir freuen und den Kontakt suchen, die mit mir in Verbindung bleiben.

Gott wirkt durch Menschen, da bin ich mir sicher. Darum kann ich alle Dinge, wo andere mir helfen und mich fördern, auch als Hilfe Gottes sehen. Und ich kann „Danke“ sagen dafür. Übrigens habe ich mir das angewöhnt: Abends zurück auf den Tag zu schauen und mich bei Gott für das zu bedanken, was mir gut getan hat. Wo ich Hilfe und Stärkung erfahren habe. Es tut gut, immer wieder so mit Gott im Gespräch zu sein und die Verbindung zu halten. Und ihn zu bitten, dass er mir zeigt, wo er mich durch andere Menschen an seiner Hand hält. Wenn ich dann einen entdeckt habe, der mir geholfen hat – sei es in alltäglichen Kleinigkeiten oder auch in großen Entscheidungen, dann mache ich folgendes:
Ich bedanke mich. Ich schreibe ein Kärtchen oder spreche es persönlich aus, worin der andere mir seine Hand gereicht hat. Wo Gott mir durch ihn die Hand gereicht hat. Das tut gut. Dem anderen und mir auch. Wem könnte ich heute „Danke“ sagen?

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