Zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Markus 15,34
Mit einem markdurchdringenden Schrei ist Jesus Christus am Kreuz gestorben. So berichtet der Evangelist Markus. Jesus verfluchte nicht seine Peiniger. Er verfluchte nicht sein Geschick. Auch verfluchte er nicht seinen Gott. Er schrie laut und in abgrundtiefer Verzweiflung: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Diesem Schrei möchte ich mit Ihnen nachdenken. Er geht durch Mark und Bein.
Wie muss jemand dran sein, der so schreit? Wie unvorstellbar gottverlassen muss sich jemand fühlen, wenn er so schreien muss? Auch wenn wir uns vielleicht momentan nicht in jemand hinein versetzen können, der so schreit – es kann ganz schnell anders kommen. So sicher, wie wir manchmal meinen, sind Leben und Glück nicht. So sicher ist auch der Glaube nicht. Der Schrei letzter Verlassenheit, der verzweifelte Schrei nach Gott kann urplötzlich das einzige sein, was noch über die Lippen kommt. Und die so schreien und klagen, haben unser Mitgefühl verdient und nicht Belehrungen, unsere Fürbitte und nicht Zurechtweisungen.
Gott hört das Schreien der Verzweifelten. Die Psalmen kennen die Klage als eine dem Glauben angemessene und von Gott gebilligte Form des Betens. Zu den vielen Klagen in den Psalmen gibt es nirgendwo kritische Anmerkungen. Jesus Christus hatte durch die Psalmen beten gelernt und betete mit den Psalmen. Sein letzter Schrei, sein abgrundtief verzweifeltes Warum, das er Gott in seiner Todesnot entgegen schreit, ist dem 22. Psalm entnommen. „Mein Herz hält dir vor dein Wort!“ Das dürfen auch Worte der Klage sein.
Jesus bleibt auch mit seiner aufbäumenden Warum-Frage in seiner Beziehung zu Gott, seinem Vater. Seine Klage beginnt mit der Anrufung „mein Gott“! Seine Verzweiflung und Verlassenheit treten nicht trennend zwischen ihn und Gott. Er schreit seine Not, sein Unglück, seine Fragen Gott ins Angesicht. Noch in verzweifelter Todesnot vertraut er darauf, dass sein Gebet nicht ungehört verhallt. Obwohl er unter Gottes Verborgenheit und seiner Zurückgezogenheit leidet, spricht er ihn persönlich an: "Mein Gott." In diesem Schrei drückt sich die verzweifelte Gewissheit aus, dass allein Gott ihm in seiner Not zu helfen vermag.
In Kreisen der Frommen ist oft zu hören, die Warum-Frage zu stellen sei falsch. Wir müssten fragen „wozu“. Wer verzweifelt nach dem Sinn seiner Not fragt, wer Gott nicht mehr versteht und nicht verstehen kann, warum er so untätig, so schweigsam, so fern, so verständnislos ist, kann nicht ergeben fragen „wozu?“. Wer ganz unten ist, ganz am Ende seiner Kraft und seines Glaubens, fragt „warum?“. Wenn sich uns die Warum-Frage stellt, ist es erlaubt, dieses "Warum" an Gott weiter zu geben. Gott hält unser Fragen aus. Bedenklich ist es nur, wenn die Klage nicht mehr mit dem „mein Gott“ beginnt und Warum-Fragen einen Keil in die Beziehung zu Gott treiben.
Wenn Gott uns etwas zumutet, dann dürfen wir ihm auch etwas zumuten. Gute Beziehungen sind belastbar. Das gilt unter Menschen. Das gilt zwischen Gott und uns. Und das gilt für uns und Gott. Am Kreuz konnte kein Gottvertrauen entstehen. Da erfuhr Jesu ungebrochenes Gottvertrauen seine letzte Prüfung. Da musste sich in größter Bedrängnis bewähren, was in guten Tagen gewachsen war und sich bewährt hatte. In guten Tagen müssen wir Gottvertrauen einüben, wenn wir in bösen Tagen darauf zurück greifen wollen.
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Dieser Aufschrei war Jesu Todesschrei. Auch wenn sein Schrei ungehört zu verhallen schien – nach drei Tagen antwortete der Vater überwältigend: er stellte sich zu Jesus und holte ihn aus dem Tod. Von Ostern her erscheint seine Gottverlassenheit am Kreuz in einem neuen Licht. Und österliches Licht fällt auf das, was uns verzweifeln macht und Gott und seine Liebe verdunkelt. Gott verlässt uns nicht – nie. Darauf ist Verlass.

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