17.03.2009

Jesus spricht: Wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein.

„Mein Haus, mein Auto, mein Boot ...“ - Sie erinnern sich an diesen Werbespot? Jemand legt stolz Bilder seines Besitzes auf den Tisch, wie man Spielkarten auf dem Tisch offenlegt. Ein anderer legt seine Karten dazu. Man vergleicht. Einer hat die Nase vorn, der andere das Nachsehen. Haben Sie jemals erlebt, dass solch ein seltsames Kartenspiel in eine echte Freundschaft zwischen zwei Menschen hineingeführt hat? Ich nicht!

Wo jemand sich aufwertet, wird ein anderer abgewertet. Eine menschliche Begegnung misslingt im Ansatz. Eine Begegnung auf Augenhöhe wird unmöglich. Leider gehört solch eine misslingende Begegnung zum menschlichen Alltag. Das Materielle wird der eigenen Seele wie Nahrung zugeführt. Die soll die Beziehung zu sich selbst aufwerten. Und ist doch zum Scheitern verurteilt.

Beziehungsarm leben – da behindert eine Beziehung die andere und richtet sie langsam, aber sicher zugrunde. Ganz zu schweigen vom Beziehungslosen. Da verstummt das eigene Leben.

„Wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein“, sagt Jesus im Lukas-Evangelium, Kapitel 12, Vers 34. Zuvor hat er mit Bildern aus der Natur die Fürsorge Gottes für seine Menschen beschrieben. Die Bilder strahlen ein ungeheures Vertrauen auf Gott aus. Vertrauen ist ein unerschöpflicher Schatz. Jesus sagt: Vertrauen auf Gott ist ein Schatz im Himmel. Er lädt ein, das Materielle als Mittel von Selbstvergewisserung aus der Hand zu geben. In dieser Hinsicht arm zu werden.

Im übertragenen Sinn könnte das heißen: Verzichte auf deine Karten, die du auf den Tisch legen willst. Sie machen dich nicht stark. Deine Seele wird geschwächt. Denn was ihr als stark erscheinen mag, ist eine Schwäche. Beziehung auf Augenhöhe zu wagen, sich bedürftig, sich arm zeigen, lässt in eine wahre Beziehung hineinwachsen.

Dann lebt ein Mensch in einem beziehungsreichen Leben auf. Das ist am Leben Jesu abzulesen. Jesus wurde arm, um in seiner Armut beziehungsreich und in seinem Leidensweg am Ende bedürftig zu werden. Die Bedürftigen zeigten sich ihm und er zeigte sich ihnen. Der Schatz im Himmel zeigt sich als Beziehungsreichtum!

Beziehungen, die gelingen, sind schon ein Reichtum auf Erden. Viele erinnern sich an ihre Schulzeit. Mit einem der Fachlehrer wollte und wollte es nicht gelingen, auf einen grünen Zweig zu kommen. Dann wechselte der Lehrer und man blühte auf. Eines von vielen Beispielen, wie sich stimmige Beziehungen auswirken.

Menschen genesen oft in tragenden Beziehungen. Sie finden nicht nur einen vertrauten Menschen, bei dem sie sich bergen können, sondern finden zugleich zu sich selbst. Im Beispiel des Lehrerwechsels finden sie zu den eigenen Begabungen. In anderen Beziehungen erfahren sie, wie wohltuend es ist, sich mit den tiefsten Gefühlen, mit eigener Armut zeigen zu dürfen. Sie erleben, dass sich der andere weiterhin zuwendet. Sie spüren, dass sie unterstützt und ermutigt werden, immer mehr von sich zu zeigen. Ja, seelische Genesung geschieht über und in vertrauensvollen Beziehungen. Darin bekommt man das Wesentliche geschenkt.

Was für die Beziehung zu Menschen gilt, lässt sich erst recht in der Beziehung zu Gott erfahren. Beziehung zu Gott, dem Vater Jesu, ist ein Reichtum im Himmel. Sie wird uns einfach geschenkt. In Jesus kam Gott selbst auf Augenhöhe der Menschen. In ihm erkennen wir den Sohn Gottes, der vom Vater geliebt, diese Liebe zu Menschen überfließen lässt. Sie sollen in diese liebevolle Beziehung hineinfinden können. Eine intensivste Beziehung. Denn sie allein schafft, was selbst gute menschliche Beziehung übersteigt. Sie schafft mitten im Tod, der alle Beziehungen abbrechen will, eine neue ewige Beziehung zu sich selbst.
Die vertrauensvolle Beziehung zum liebenden Gott – das ist der Schatz im Himmel. Er lässt himmlische wie irdische Beziehungen aufblühen.
Autor:
Pastor Manfred Kasemann

10.08.2008

Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.



Gott antwortet. Durch sein Handeln. Durch ein Bibelwort. Durch den Trost oder Rat eines Menschen. Durch einen Gedanken, den er mir ins Herz gibt. Gott antwortet. Er hat viele Weisen zu antworten. Gott sei Dank.

Aber manchmal antwortet er eben nicht. Auf unser Beten. Auf unser Fragen. Auf unser Rufen. Auf unser Schreien. Manchmal ist Gott anscheinend stumm. Der Beter des 22. Psalm hat solch ein Schweigen Gottes erlebt. Tag und Nacht hat er zu Gott gebetet, vielleicht sogar laut gerufen. Und Gott hat nicht geantwortet. Der Beter des 22. Psalm ist kein Ungläubiger. Er rechnet mit Gott. Aber Gott schweigt. Wir müssen uns damit abfinden: Auch das Schweigen Gottes gehört zu unserem Glauben.

Wir hören und lesen oft Berichte darüber, wie Gott auf wunderbare Weise geantwortet und geholfen hat. Vielleicht bieten wir damit ein ganz falsches Bild von unserem Christenleben. Es ist ja durchaus nicht immer so, dass wir nur zu beten brauchen und Gott erfüllt uns unsere Bitte. Das sind vielleicht nur einige besondere Höhepunkte in unserem Glaubensleben. Schön, dass es sie gibt. Und hoffentlich bleiben sie uns eindrücklich im Gedächtnis. Und wir geben sie vielleicht auch gern an andere weiter. Wir möchten ja Menschen zu diesem Glauben einladen. Und wir meinen oft, das könnten wir nur mit einer solchen goldumrandeten Visitenkarte.

Aber bieten wir auf diese Weise nicht ein sehr einseitiges und deshalb falsches Bild von unserem Glauben? Es ist doch durchaus nicht so, dass Gott immer und schon gar nicht immer gleich auf unser Bitten antwortet.

Kurz nachdem ich als junger Mann von einem Tag auf den anderen zum Glauben an Jesus Christus gefunden hatte, besuchte ich eine Bibelstunde. An einem dieser Abende ging es auch um das Thema: „Antwortet Gott auf unser Gebet?“ Ich sagte damals: „Klar. Gott antwortet auf unser Gebet. Wenn ich ein Problem oder eine Frage habe, dann bekomme ich fast immer gleich mit der Frage auch schon die Antwort.“ Da sah der Pastor mich mit seinen gütigen Augen an und sagte: „Ja, so ist das bei einem ganz jungen Glauben.“ Er hatte Recht. So, wie es damals war, ist es nicht immer geblieben. Es sind Probleme und Fragen in meinem Leben aufgetaucht, bei denen ich nicht gleich die Antwort dazu bekam. Und manchmal habe ich auch gar keine Antwort bekommen.

Solches Fragen kann manchmal einen Menschen so sehr umtreiben, wie das bei dem Psalmbeter offenbar der Fall ist. „Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.“ Es gibt Situationen, die können uns den Nachtschlaf rauben. Sicher ist da jeder auch anders „gestrickt“. Der eine kann seine Probleme leichter an Gott abgeben und dann einigermaßen ruhig schlafen. Ein anderer dagegen schlägt sich eine ganze Nacht damit herum, sich selbst Gedanken zu machen, Gott diese Gedanken vorzulegen, ihn um eine Lösung zu bitten, ihn zu fragen nach dem rechten Weg – und die Antwort bleibt womöglich aus.

Wir sollten nicht so tun, als gäbe es das für einen Christen nicht. Für mich hat der Darsteller des Martin Luther in dem gleichnamigen Film sehr eindrucksvoll das Ringen des Reformators mit Gott dargestellt. Laut hat er mit Gott geredet und um Antwort gebeten. Dieses Ringen hat ihn schließlich sogar zu Boden geworfen. Im übrigen: Selbst Jesus hat dieses Schweigen seines himmlischen Vaters erlebt. Am Kreuz hat er gerufen: „Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen?“

Es muss bei mir normalem Sterblichen ja nicht nur an Gott liegen, dass ich seine Antwort auf mein Fragen nicht vernehme. Vielleicht liegt es ja an mir. Vielleicht hat Gott schon geantwortet und ich habe ihn gar nicht gehört, weil ich so sehr mit mir selbst beschäftigt war, mit meiner Lösung des Problems. Vielleicht weil ich die Antwort in einer Weise oder aus einer Richtung erwartet habe, in der Gott sie nicht geben konnte oder wollte.

Eines scheint mir wichtig: Der Psalmbeter lässt sich durch das Schweigen Gottes nicht von Gott abbringen. Er wendet sich mit seinem Gebet an diesen schweigenden Gott. Er zieht nicht die Konsequenz: „Gott, wenn du schweigst, scheint es so, als ob es dich gar nicht gibt.“ Nein, er kehrt Gott nicht den Rücken. Im weiteren Verlauf seines Psalmgebets sagt er sinngemäß: „Herr, ich verstehe dich nicht, aber ich vertraue dir.“

Wenn Gott mir eine Bitte nicht erfüllt oder eine Frage nicht beantwortet, wende ich mich auch nicht von Gott ab. Ich vertraue darauf, dass ich irgendwann eine Begründung oder eine Antwort von Gott bekomme, wenn nicht in diesem Leben, dann in der Ewigkeit bei ihm.

09.07.2008

Gedenkt des Vorigen, wie es von alters her war: Ich bin Gott und sonst keiner mehr, ein Gott, dem nichts gleicht.
Jesaja 46,9



Was würde der Enkel sagen, wenn die Großmutter ihm diesen Bibelvers aus Jesaja 46 sagte: „Gedenke des Vorigen, wie es von alters her war: Ich bin Gott und sonst keiner mehr, ein Gott, dem nichts gleicht“? „Schön, Oma, wenn das für dich so ist. Aber ich lebe heute und kann nichts mit rückwärts gewandten Traditionen anfangen.“ Sicher, bibelkundige und lebendige Christen wissen, dass dies ein Missverständnis ist. Es geht gar nicht um Orientierung an der Vergangenheit. Nicht, dass früher alles besser war. Nein, der Prophet erinnert das hoffnungslose Volk an die großen Taten Gottes, um ihnen Mut zu machen: Denkt doch daran, was Gott schon getan hat und wie einzigartig er ist!

Gerade im Alten Testament gibt es diesen Aufruf gegen die Vergesslichkeit häufig: Erinnert euch, gedenkt der großen Befreiungstaten eures Gottes! Solches geschichtliche Erinnern lässt staunen. Dieses Denken führt zum Danken. Die Psalmen zum Beispiel sind voll davon. Heute ist die Vergesslichkeit eher noch größer. Wie schnell vergessen wir die persönliche Hilfe Gottes. Wie kurz ist die Erinnerung an die Gnade Gottes für unser Volk. Wie bald sind Gebetserhörungen wieder aus unserem aktiven Gedächtnis verschwunden. Schade eigentlich! Wir verlieren damit eine wesentliche Quelle geistlicher Kraft.

Denn Gott ist zwar ewig und, wie das Bibelwort sagt, von alters her. Aber er ist keine Figur der Vergangenheit. Mit ihm verbundener Glaube kann nicht rückwärts gewandt sein. Im jüdisch-hebräischen Denken zieht Gott vor dem Volk Israel her. Die Wolkensäule am Tag und die Feuersäule bei Nacht waren dafür während der Wüstenwanderung sichtbare Zeichen. Unsere volkstümliche Vorstellung, Gott sei oben, ist irreführend. Am besten kann ich es im Anschluss an die biblischen Berichte so sagen: „Der Gott, der uns früher wunderbar gerettet und treu geführt hat, er geht uns voraus. Er hat gute Absichten mit seinem Volk.“ Genau dies war den Israeliten in der Gefangenschaft zweifelhaft geworden angesichts der scheinbaren Übermacht der babylonischen Götzen. Ist unser Gott noch da, ist er lebendig? Und wenn, ist er noch für uns da? Oder haben wir durch die Schuld unseres Abfalls von ihm alles verspielt? Die Antwort steht in Vers 4 von Jesaja 46: „Bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten.“

Hoffnung für die Zukunft ist also nicht zuerst abhängig von unserem Selbstbewusstsein. Sondern auf unser Gottesbewusstsein kommt es an. Wir haben einen unvergleichlich mächtigen und beispiellos liebenden Gott. „Ich bin Gott und sonst keiner mehr, ein Gott, dem nichts gleicht.“ Das baut auf, mit diesem Gott verbunden zu sein! Das macht Mut, sich seiner Führung gewiss zu sein. Damals in der verzweifelten Lage der Israeliten, heute in Ihrer persönlichen Situation, wie immer die aussehen mag. Wir haben einen unvergleichlichen Gott, der helfen will!

Die Erinnerung an seine Taten ist keine Rückkehr zur Vergangenheit, sondern, so können wir mit Recht sagen, eine Rückkehr zur Zukunft. Das legt der folgende Vers 10 nahe, wo Gott durch den Propheten sagt: „Was ich beschlossen habe, geschieht, und alles, was ich mir vorgenommen habe, das tue ich auch.“ Der Retter der Vergangenheit ist auch der Herr der Zukunft.

Das ist wichtig für die Zukunft des christlichen Glaubens in einer Welt, die zunehmend von gottvergessener Beliebigkeit oder vom aggressiven Islamismus bedroht wird. Der Prophet ruft uns im Namen Gottes zu: Lasst euch nicht irritieren. Unser Gott war und ist und kommt. Er ist als Schutz hinter und über euch. Und er ist vor euch, also schon da, wo ihr hinkommt. Und ihr könnt ihn sogar als seine Friedensboten dort hin bringen, wo man noch nichts von ihm weiß oder ihn längst vergessen hat: zu den ungläubigen Kollegen, zu den muslimischen Nachbarn, zu den Leidenden und Verzweifelten in Krankenhäusern oder Gefängnissen, in eure Städte und Dörfer.

Zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Markus 15,34


Mit einem markdurchdringenden Schrei ist Jesus Christus am Kreuz gestorben. So berichtet der Evangelist Markus. Jesus verfluchte nicht seine Peiniger. Er verfluchte nicht sein Geschick. Auch verfluchte er nicht seinen Gott. Er schrie laut und in abgrundtiefer Verzweiflung: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“


Diesem Schrei möchte ich mit Ihnen nachdenken. Er geht durch Mark und Bein.
Wie muss jemand dran sein, der so schreit? Wie unvorstellbar gottverlassen muss sich jemand fühlen, wenn er so schreien muss? Auch wenn wir uns vielleicht momentan nicht in jemand hinein versetzen können, der so schreit – es kann ganz schnell anders kommen. So sicher, wie wir manchmal meinen, sind Leben und Glück nicht. So sicher ist auch der Glaube nicht. Der Schrei letzter Verlassenheit, der verzweifelte Schrei nach Gott kann urplötzlich das einzige sein, was noch über die Lippen kommt. Und die so schreien und klagen, haben unser Mitgefühl verdient und nicht Belehrungen, unsere Fürbitte und nicht Zurechtweisungen.

Gott hört das Schreien der Verzweifelten. Die Psalmen kennen die Klage als eine dem Glauben angemessene und von Gott gebilligte Form des Betens. Zu den vielen Klagen in den Psalmen gibt es nirgendwo kritische Anmerkungen. Jesus Christus hatte durch die Psalmen beten gelernt und betete mit den Psalmen. Sein letzter Schrei, sein abgrundtief verzweifeltes Warum, das er Gott in seiner Todesnot entgegen schreit, ist dem 22. Psalm entnommen. „Mein Herz hält dir vor dein Wort!“ Das dürfen auch Worte der Klage sein.

Jesus bleibt auch mit seiner aufbäumenden Warum-Frage in seiner Beziehung zu Gott, seinem Vater. Seine Klage beginnt mit der Anrufung „mein Gott“! Seine Verzweiflung und Verlassenheit treten nicht trennend zwischen ihn und Gott. Er schreit seine Not, sein Unglück, seine Fragen Gott ins Angesicht. Noch in verzweifelter Todesnot vertraut er darauf, dass sein Gebet nicht ungehört verhallt. Obwohl er unter Gottes Verborgenheit und seiner Zurückgezogenheit leidet, spricht er ihn persönlich an: "Mein Gott." In diesem Schrei drückt sich die verzweifelte Gewissheit aus, dass allein Gott ihm in seiner Not zu helfen vermag.

In Kreisen der Frommen ist oft zu hören, die Warum-Frage zu stellen sei falsch. Wir müssten fragen „wozu“. Wer verzweifelt nach dem Sinn seiner Not fragt, wer Gott nicht mehr versteht und nicht verstehen kann, warum er so untätig, so schweigsam, so fern, so verständnislos ist, kann nicht ergeben fragen „wozu?“. Wer ganz unten ist, ganz am Ende seiner Kraft und seines Glaubens, fragt „warum?“. Wenn sich uns die Warum-Frage stellt, ist es erlaubt, dieses "Warum" an Gott weiter zu geben. Gott hält unser Fragen aus. Bedenklich ist es nur, wenn die Klage nicht mehr mit dem „mein Gott“ beginnt und Warum-Fragen einen Keil in die Beziehung zu Gott treiben.

Wenn Gott uns etwas zumutet, dann dürfen wir ihm auch etwas zumuten. Gute Beziehungen sind belastbar. Das gilt unter Menschen. Das gilt zwischen Gott und uns. Und das gilt für uns und Gott. Am Kreuz konnte kein Gottvertrauen entstehen. Da erfuhr Jesu ungebrochenes Gottvertrauen seine letzte Prüfung. Da musste sich in größter Bedrängnis bewähren, was in guten Tagen gewachsen war und sich bewährt hatte. In guten Tagen müssen wir Gottvertrauen einüben, wenn wir in bösen Tagen darauf zurück greifen wollen.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Dieser Aufschrei war Jesu Todesschrei. Auch wenn sein Schrei ungehört zu verhallen schien – nach drei Tagen antwortete der Vater überwältigend: er stellte sich zu Jesus und holte ihn aus dem Tod. Von Ostern her erscheint seine Gottverlassenheit am Kreuz in einem neuen Licht. Und österliches Licht fällt auf das, was uns verzweifeln macht und Gott und seine Liebe verdunkelt. Gott verlässt uns nicht – nie. Darauf ist Verlass.

26.04.2008


Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich.

Psalm 63,9


Ich kann mich noch gut an meinen Krankenhausaufenthalt im vergangenen Jahr erinnern. Die Operation ist gut verlaufen, die Narkose einigermaßen überstanden und ich liege wieder in meinem Zimmer. Die Schwester hat mir ein Schmerzmittel in den Tropf getan, und mit einem freundlichen Lächeln sagt sie: „Und nun ruhen Sie sich aus. Wenn Sie was brauchen, klingeln Sie ruhig. Aber bitte nicht alleine aufstehen.“ Alles klar. Ich bin gut versorgt und verbringe den Tag mit Schlafen und Dösen. Bis zum Nachmittag. Denn da kommt für mich die Stunde der Wahrheit. Wieder dieses freundliche Lächeln der Schwester. Und dazu die unglaublich aufmunternde Stimme: „So, wir möchten jetzt gerne die Betten machen und Sie dürfen zum ersten Mal aufstehen.“ Keine Chance, dem auszuweichen.
Nun wird sich zeigen, was der Kreislauf und die Operationswunde vom Aufstehen halten. Ich setze mich bewusst langsam auf die Bettkante und taste vorsichtig nach meinen Hausschuhen. Dann der mutige Entschluss zum Aufstehen und die ersten unsicheren Schritte. Und bevor mir schummerig vor den Augen wird, die hilfreiche Hand der Krankenschwester, die mich festhält und verhindert, dass ich kurzerhand schlapp mache. Und siehe da, es geht: Sie bleibt an meiner Seite, begleitet meine ersten Schritte, bis ich sicher und zuverlässig wieder auf den Beinen stehe.

Heute ist die Operation ein Jahr her. Ich bin zum Glück lange wieder gesund und stabil auf den Beinen. Wie die Krankenschwester hieß, weiß ich übrigens gar nicht mehr. Ist ja auch nicht so wichtig. Aber ihr Lächeln und ihre freundliche, unaufdringliche Hilfestellung werde ich nicht vergessen.

Manchmal ist es gut, wenn mir jemand seine Hand zur Hilfe reicht. Ich brauche das – nicht nur nach einer Operation. Auch wenn es manchmal gar nicht so leicht ist, fremde Hilfe anzunehmen. Mir ist aufgefallen: In den vergangenen zwölf Monaten sind mir mehrere Menschen begegnet, die mir - auch bildlich gesprochen - ihre Hand gereicht haben, um mich zu stützen oder zu stärken:
Der Kollege, der mir stillschweigend geholfen hat, als es mit der Arbeit nicht voran ging.
Die Nachbarin, die die Kinder versorgt hat, als ich krank war und nicht aus dem Haus durfte.
Die Freundin, die mir ihr Ohr geliehen hat, als ich jemanden zum Reden brauchte.
Mein Mann, der zusätzlich zu seiner eigenen Arbeit noch eine Woche lang Haushalt und Kinder gemanagt hat, damit ich zu einer Fortbildung fahren konnte.
Und Gott, dem ich mein Herz ausgeschüttet habe, als ich nicht mehr ein noch aus wusste.
Oft war es eine kleine, eigentlich selbstverständliche Hilfestellung. Da ist mir erst im Nachhinein aufgefallen, wie gut es mir getan hat, dass mir jemand die Hand gereicht hat. Dass jemand für mich da war. Einfach so. Ohne zu fragen, was es ihm selber bringt.

Auf meinem Schreibtisch steht immer noch ein kleines Kärtchen mit einem Vers aus der Bibel, das mir jemand im Krankenhaus geschenkt hat: „Meine Seele hängt an dir, deine rechte Hand hält mich.“ Ein Mensch, der mit Gott häufig im Gespräch war, hat das vor langer Zeit zu ihm gesagt. „Ja, das stimmt für mich auch“, denke ich. Manchmal allerdings nur als Hoffnungssatz. Wenn ich Gottes Hand an meiner Seite nicht spüre, obwohl ich es doch unbedingt bräuchte. Dann denke ich: Ich suche doch die Verbindung zu dir, Gott; bitte mach doch, dass deine rechte Hand mich hält. Und dann vertraue ich einfach darauf, dass sie trotzdem da ist und Jesus mir seine Hand entgegenstreckt. Manchmal habe ich aber auch schon erfahren, dass der Satz aus der Bibel stimmt. „Meine Seele hängt an dir, deine rechte Hand hält mich.“ Denn es gibt ja Menschen, die mir ihre Hand hilfsbereit entgegenstrecken. Die mich begleiten und mich aushalten, auch wenn ich mal nicht gut drauf bin. Die mich in Ruhe lassen, wenn ich es möchte. Die mich trösten; wenn ich es brauche. Aber nicht mit billigem Trost, sondern mit Worten, die mir eine Perspektive für mein Leben zeigen. Und es gibt Menschen, die sich mit mir freuen und den Kontakt suchen, die mit mir in Verbindung bleiben.

Gott wirkt durch Menschen, da bin ich mir sicher. Darum kann ich alle Dinge, wo andere mir helfen und mich fördern, auch als Hilfe Gottes sehen. Und ich kann „Danke“ sagen dafür. Übrigens habe ich mir das angewöhnt: Abends zurück auf den Tag zu schauen und mich bei Gott für das zu bedanken, was mir gut getan hat. Wo ich Hilfe und Stärkung erfahren habe. Es tut gut, immer wieder so mit Gott im Gespräch zu sein und die Verbindung zu halten. Und ihn zu bitten, dass er mir zeigt, wo er mich durch andere Menschen an seiner Hand hält. Wenn ich dann einen entdeckt habe, der mir geholfen hat – sei es in alltäglichen Kleinigkeiten oder auch in großen Entscheidungen, dann mache ich folgendes:
Ich bedanke mich. Ich schreibe ein Kärtchen oder spreche es persönlich aus, worin der andere mir seine Hand gereicht hat. Wo Gott mir durch ihn die Hand gereicht hat. Das tut gut. Dem anderen und mir auch. Wem könnte ich heute „Danke“ sagen?

01.04.2008

Geduld

Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.
Römer 11,29


Wir Menschen sind doch äußerst wankelmütig. Eben noch bin ich Feuer und Flamme für einen guten Freund, dann tut er etwas, was ich nicht nachvollziehen und verstehen kann - und schon ist’ s aus mit meiner Freundschaft. Ganz so schnell muss es nicht immer gehen, aber manchmal reut einen schon, wie man sich für jemand anderen eingesetzt hat. Der andere würdigt meinen Einsatz nicht genug. Ich komme mir ziemlich blöd vor. Was habe ich nicht alles gemacht für ihn - und jetzt das. Er hat es nicht verdient. Und ich werde künftig darauf achten, dass ich meine Kräfte nicht mehr an einen Menschen wie ich verschwende.

Ich bin ja auch nur ein Mensch. Eben – das ist das Problem. Als Mensch handle ich menschlich. Eine Hand wäscht die andere. Und selbstlos sein, das kann ich mir auf Dauer nicht leisten. Ich bereue schnell, dass ich so gefällig war, manchmal sogar dann, wenn ich eigentlich schon lang keine Kraft mehr dafür hatte. Und wer hilft mir jetzt, wer sorgt dafür, dass ich am Ende nicht der Dumme bin?

Gut, dass Gott sich mir gegenüber nicht so wankelmütig verhält. Sonst hätte ich schnell verloren. Denn ich enttäusche ihn oft, mit meinem Reden, Denken und Tun. Eigentlich hätte er längst Grund, sich von mir abzuwenden. Aber er bereut nicht, dass ich bin. Ich bin von ihm geliebt. Und was er mir gegeben hat an Gaben, Berufung, Können und Zeit, das will er nicht zurück. Paulus schreibt den Römern ins Stammbuch: "Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen."

Zwei Dinge erkenne ich aus diesem schlichten Satz. Zum einen steht Gott auf meiner Seite. Zweitens heißt das, er hat mich begabt, damit ich meine Gaben einsetze auch für andere. Er freut sich, wenn ich das tue, unabhängig von dem, was vielleicht vom anderen dafür zurückkommt.

Bedingungslose Liebe und Anerkennung

Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf.
Psalm 27,10



Jeder Mensch braucht bedingungslose Liebe und Anerkennung, jeder Mensch braucht es, dass er ernst genommen wird – mit seinem ganzen Lebenslauf. Aber wir Menschen strahlen diese Liebe und Anerkennung anderen gegenüber keinesfalls immer aus.

Okay, es ist menschlich, Fehler zu entdecken und zu hohe Erwartungen zu haben. Es ist menschlich, sich über den anderen erheben zu wollen und besser zu sein.
Es ist menschlich, dass wir unseren eigenen Vorteil suchen und nicht immer unbedingt das Glück des anderen.
Es ist menschlich, dass wir unserer eigenen Kraft lieber vertrauen, als uns helfen zu lassen.
Es ist menschlich, dass wir stark sein wollen, dass wir unsere Schwächen vertuschen wollen.
Es ist menschlich, andere negativ zu kritisieren.

Welche Vergeudung eigentlich. Zum Glück können wir es aber auch anders machen. Wir können loslassen und Gott walten lassen.
Wir können unsere Schwächen und Fehler eingestehen und Gott walten lassen.
Wir können zugeben, dass wir eben längst nicht alles in den Griff bekommen – und Gott walten lassen.

Ehrlich gesagt: das macht das Leben gelassen und heiter. Dann wird aus einem ewigen „Ich muss“ – ein „Gott kann“. O ja, Gott kann. Er kann aus der inneren Enge befreien und unserem Leben Weite verschaffen. Er kann die schwierigen Verhältnisse ordnen und uns wieder Mut zum Leben machen. Er kann meine Sorgen und Nöte verwandeln, damit ich wieder befreit durchatmen kann.

König David hat uns dieses Gottvertrauen vorgelebt. Psalm 27 Vers 10: "Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf." David hatte oft ganz massive Engpässe in seinem Leben, wo er weder ein noch aus wusste. Doch Gott wurde mehr und mehr seine erste Anlaufstelle, seine erste Adresse, an die er sich gewandt hat. Jedes Zwiegespräch mit Gott gibt unserem Leben Sicherheit. Jedes Gebet zu Gott hin macht die Bürde kleiner. Unser Leben ist in guten Händen, wenn wir Gott walten lassen.